CURRICULUM POP Oder: Der Preis der Institutionalisierung

CURRICULUM POP
Oder: Der Preis der Institutionalisierung

Jedes neue Sachgebiet, so hat es Max Scheler für die damals junge Ethnologie beschrieben, benötige „die Pionierschaft der Liebhaber vor den Kennern“. Das Verhältnis von Affektion und Expertise beschreibt somit einen Prozess der Professionalisierung und Institutionalisierung, den ein Sachgebiet durchlaufen muss, bevor es, bei günstigen wissenschaftspolitischen Bedingungen, als universitäre Disziplin anerkannt werden kann. Die Studien zu Pop- und Populärer Kultur haben diesen Weg in die Institutionen und in die wissenschaftliche Professionalisierung – im deutschsprachigen Raum – an vielen Stellen vollzogen. Popmusik und Populäre Kultur – ob singulär oder im Verbund mit Ethnologie, mit Medien- oder Literaturwissenschaft – kann man in Zürich, Paderborn und Hamburg, in Mannheim, Hildesheim, Lüneburg oder Siegen lehren, forschen, studieren. Was aber folgt aus diesem Weg in und durch die Institutionen? Welche Konsequenzen hat die notwendige Verwissenschaftlichung für eine Disziplin, die bis heute in starkem Maße durch performative ‚ways of living‘ und vielfach durch eine explizite Fanperspektive geprägt ist?

Der Popkongress 2016 widmet sich deshalb den Fragen, die die Populärkultur-Studien an ihr eigenes Material stellen wollen, müssen oder sollten, sowie den Fragen, die das Curriculum Pop an uns zurück stellt: Welche Form und welche Formen der Institutionalisierung und/oder Kanonisierung wünschen wir uns, bzw. wünschen wir uns gerade nicht? An welchen Formen schreiben wir mit; was sagen existierende Lehrbücher und Curricula über das Studien- und Forschungsgebiet Populäre Kultur heute aus? Dabei lassen sich für den Kongress drei Dimensionen in den Blick nehmen:

Als Dimension der Selbstinstitutionalisierung fragt Curriculum Pop nach den theoretischen, methodischen und konzeptuellen Differenzen, die sich in den je spezifischen Ausrichtungen der Popkultur-Studien spiegeln. Welche Konsequenzen hat die Popularisierung des Diskurssystems Popkultur für die akademische Perspektive? Welchen Grad der Professionalisierung kann oder will eine Disziplin erlangen, die sich immanent als Einheit von Expertise und Affektion präsentiert? Welche Verschiebungen im Blick auf kanonisierte Theorien, Methoden oder Autor_Innen sind in den letzten Jahren/ Jahrzehnten zu beobachten gewesen und was bedeutet dies für das aktuelle Selbstverständnis der Pop- und Populärkultur-Studien? Wer meint zu wissen, was wir wissen müssen?

Als Dimension der bildungspraktischen Vermittlung fragt Curriculum Pop nach der Populärkultur als Material für Bildungsprozesse auch jenseits der akademischen Forschung und Lehre. Wie können Popsongs, Serienformate oder Sportkultur für den schulischen Unterricht und in der kulturellen Bildung nutzbar gemacht werden? Was für Bildungspotentiale und Bildungskonzepte sind den Artefakten der Popkultur selbst immanent? Welche methodologischen und theoretischen Ansätze erscheinen sinnvoll für eine Didaktisierung gerade der Popkultur und ihrer Rezeption – vor allem dann, wenn aus bildungspraktischer und -theoretischer Perspektive weiterhin eine Differenz zwischen Diskurs-Pop versus Trash-Pop gezogen wird?

Als Dimension der arbeitsökonomischen Realität fragt Curriculum Pop nach dem Verhältnis von aktuellen Arbeitspraktiken und Arbeitsfeldern in der Populärkultur und ihrer universitären Vor- und Aufbereitung. Welches Wissen und welche Praktiken oszillieren zwischen der Hochschulausbildung und ihrer Anwendung? Welche Praxisformen – jenseits von Praktika – wären in die universitäre Lehre zu implementieren? Und umgekehrt: Wieviel popkulturelles Wissen verträgt oder braucht die (Arbeits-)Praxis?

Für die Veranstalter: Barbara Hornberger / Johannes Ismaiel-Wendt / Stefan Krankenhagen